Herbert Rauch

Vorwort zum Buch

Der Briefträger in der Dunkelkammer

Zu der Zeit, als mein Vater die Post austrug, trugen Briefträger noch dunkelblaue Uniformen und fesche Kappen, die den Beamtenstatus zementierten. Die Post befand sich in einer schwarzen Umhängetasche aus Leder von imposanter Größe. Damals schrieb man Briefe, man versah das Kuvert mit einer Briefmarke – manchmal, wenn man etwas auf sich oder auf den Empfänger hielt, sogar mit einer besonders schönen Sondermarke. Am Monatsersten warteten die Rentnerinnen (weniger oft die Rentner) unter der Haustüre, weil die Briefträger ihnen ihre kleine Pension in bar auszahlten. Von dem dankbar gegebenen und empfangenen Trinkgeld sparte sich mein Vater seine erste Kamera zusammen, Schilling für Schilling.

Meinem Vater war nicht nur die Zuverlässigkeit der Postzustellung ein hohes Gebot, er hörte auch zu, wenn ihm die Parteien in seinem Rayon von ihren Sorgen erzählten. In dieser Hinsicht war er so beliebt, dass bei einem angeordneten Wechsel des Zustellbezirkes drei resolute Pensionistinnen beim Postamtsdirektor höchstpersönlich Protest einlegten: „Wir lassen uns den Herbert nicht wegnehmen!“

Die Briefträgerei war meinem Vater Broterwerb, nicht mehr. Geliebt hat er diesen Job nie – wie auch: bei jedem Sauwetter draußen unterwegs und die Wege in den Rayons waren so weit, dass einem die Tasche schwer wurde. Als ich zehn oder zwölf Jahre alt war, durfte ich im Sommer manchmal beim Austragen helfen. Ich hatte großen Respekt vor den Hunden, insbesondere bei den Bauernhöfen, denn dort liefen die Tiere frei herum. Der Dienst der Briefträger begann morgens um sechs, da wurde die Post sortiert, wurden Straßen und Hausnummern in die richtige Reihenfolge gebracht, denn unnütz hin und her laufen wollte niemand. Bei geringem Postaufkommen und flottem Schritt konnte man mit seiner Runde zu Mittag fertig sein und hatte dann Zeit für anderes – für meinen Vater seine wahre Passion: die Fotografie.

„Angefangen hat er schon früh, da waren wir noch gar nicht verheiratet. Es hat ihn einfach interessiert und er hat auch gleich selber entwickelt, in einer improvisierten Dunkelkammer. Gelernt hat er es durch Ausprobieren und aus ein paar Büchern. Lehrer hatte er keinen.“ Maria Rauch

Mein Vater hielt vielfältige fotografische Motive fest. Er fertigte Porträts von uns Kindern an, die uns heute nachvollziehen lassen, wie sich unsere Gesichter, unsere Frisuren, unsere Wesen verändert haben, Jahr für Jahr. Am Blick kann man erkennen, dass die Lust, sich hinzusetzen und sich ablichten zu lassen, mit zunehmendem Alter abnahm. Es dauerte ewig, bis mein Vater mit einer Einstellung zufrieden war; manchmal sogar noch länger. Mit feinem Gespür für das Vergängliche fotografierte er das Geschehen im Dorf: jedes Haus, bevor es abgerissen wurde, Baugruben, wo Neues entstand, Brände und Brandfolgen, Prozessionen und Umzüge, Viehmärkte, Musikfeste, die Weihe neuer Feuerwehrfahrzeuge. Dorforiginale und andere Charaktergesichter standen vor seiner Kamera. Die Aufnahmen meines Vaters erzählen die Geschichten von damals, vom Leben und Sterben. Am Ende wurde der Sarg auf den offenen Leichenwagen gehoben, gezogen von zwei massigen Pferden, und der Anton, den alle nur als Tone kannten, mit spitzem Hut und stoischem Blick, gab mit einem „Hü“ das Kommando zur letzten Fahrt. Hinterher gingen zuerst die Angehörigen, dann die Jahrgänger und am offenen Grab stand der Kameradschaftsbund zur letzten Ehrenbezeigung. Der Trompeter blies „Ich hatt’ einen Kameraden“, so langgezogen und melancholisch, dass auch dem Hartgesottensten die Tränen kamen.

Dass aus diesem Fotografieren über fünfzig, sechzig Jahre hinweg eine einzigartige Dorfchronik entstand, konnte mein Vater nicht ahnen. Heute wird dieser Nachlass als „Archiv Herbert Rauch“ von der Marktgemeinde Rankweil gepflegt und aufgearbeitet. Zwei erste Bücher sind in der „Reihe Rankweil“ erschienen, weitere sollen folgen.

Herbert und Maria Rauch vor einem Bücherregal, davor eine Kamera auf einem Stativ
Herbert und Mariaca. 1960

Mein Vater begann mit dem Kleinbild, doch zu seiner wahren Domäne wurden Dias im Format 6 x 6 und vor allem Schwarz-Weißfotografie. Er lernte im Tun: sehen, erkennen, belichten, fotografieren, ausarbeiten in der Dunkelkammer. Seine Radikalität sich selbst gegenüber half ihm mindestens so oft, wie sie ihm im Weg stand. Was nicht genügte, wurde verworfen. Seine Auswahl war gnadenlos. Von hundert Aufnahmen blieben oft nur zwei oder drei übrig.

„Beim Aussuchen, was bleibt, war er sehr kritisch. Er wollte nur das Beste behalten, das hat sich dann mit den besseren Kameras noch gesteigert.“ Maria Rauch

Er kam als Briefträger nach Hause, verbrachte dann Stunden in der Dunkelkammer und erschien als anderer Mensch zum Abendessen. Selten zufrieden mit sich, immer auf der Suche nach dem Besseren, nach Perfektion. Nur das Beste war gut genug, auch bei der Ausrüstung. Seine Leica: legendär. Seine Hasselblad: schöner als jedes Designerhandy. Jedes neue Objektiv: Schilling für Schilling zusammengespart.

„Sein Traum war von Anfang an eine Hasselblad.“ Maria Rauch

Die Phase seines Schaffens, die hier nicht dokumentiert werden kann: Schönheit und Verschwinden des Rankweiler Weitrieds mit seinen Streufelder; das Ansitzen im Tarnzelt, bis Nahaufnahmen von Kiebitz, Brachvogel und Braunkehlchen gelangen; das Warten auf das einzigartige Licht, das es nur einmal im Jahr nach stürmischen Regenfällen gibt, wenn die Sonne zwischen schwarzen Wolkenrändern und den Bergen im Westen für fünf Minuten hervorblinzelt, bevor sie verschwindet; knorrige Eichen im Jahreskreis, wuchtige Monumente, allesamt gewichen der industriellen Landwirtschaft.

Von den unzähligen Dias im Format 6 x 6 haben nicht mehr als achtzig überlebt, nämlich nur die besten in den Augen meines Vaters. Inzwischen sind sie digitalisiert, um die unaufhaltsame Gefahr des Ausbleichens zu bannen. Die Negative: allesamt vernichtet, wir kommen darauf zurück.

Ausgestattet mit dem schönen Titel „Postoberoffizial“, ging mein Vater in Pension. Fotoausstellungen – in Winterthur, Zürich, Salzburg und Wien – hatte er schon immer mit großem Interesse besucht („um zu sehen, was ‚die Guten‘ machen“), doch nun konnte er sehr viel mehr Zeit dem Tüfteln und Experimentieren widmen. Das war auch notwendig, da die fortschreitende Digitalisierung essenzielle Materialien für die analoge Fotografie zur Mangelware, zum Luxusgut machte: Filme, Fotopapier, Chemikalien für die Dunkelkammer, Objektive, Belichtungsmesser, Kameras sowieso.

An Steinen, Federn, Treibgut aus Holz, einem Stück Borke konnte sich mein Vater wochen-, monate-, jahrelang abarbeiten: Veränderungen am Licht, die Verwendung von neuem Papier und verschiedenen Filmen, die Herausarbeitung von Grautönen in der Dunkelkammer, die Suche nach dem richtigen Winkel, der Schärfentiefe, der Tiefenschärfe, der unbedingte Wille, die Sprache des Objektes zu verstehen, das vor ihm lag. Handwerklich begabt, wie er war, konstruierte mein Vater Aufhängevorrichtungen, um Steine scheinbar schweben zu lassen, und entwarf biegsame Arme für Lichtquellen, die am Stativ befestigt wurden. Die Garage ist heute noch voll mit Teilen, deren Funktion keines von uns Kindern versteht.

„Er war handwerklich immer sehr geschickt, kosten durfte es auch nichts, dann hat er es halt selber gebaut.“ Maria Rauch

So entstanden einige hundert ausgearbeitete Schwarz-Weiß-Fotografien, deren schönste mein Vater in selbst hergestellten Grußkarten-Serien verarbeitete und diese wiederum in eigens gefertigte Kartonboxen – sorgfältig mit Leinwand überzogen – bettete, jeweils ein passendes Kuvert aus säurefreiem Papier dazwischen, zu besonderen Anlässen verschenkt an einen ausgewählten Kreis: Familie, sehr gute Freunde. Manche davon Unikate: ein einziges ausgearbeitetes Exemplar, das Negativ vernichtet.

Manche dieser Unikate finden sich in diesem Buch wieder. Vermutlich wäre er damit nicht einverstanden gewesen. Er möge uns diese kleine Übergriffigkeit verzeihen …

Aus: Herbert Rauch, So gesehen, Edition108, 2026

Anfrage

Interesse am Buch, einer Edition, einem Print?

Schreiben Sie uns. Wir melden uns mit Verfügbarkeit, Nummern und den Modalitäten. Auf Wunsch kommen wir mit Originalen zu Ihnen.

Anfrage schreiben